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In der holakratischen Praxis kommt es leicht zu Verwirrungen darüber, wie der Begriff „Transparenz“ auszulegen ist. In einigen Unternehmen kursiert dazu leider oftmals ein gefährliches Halbwissen. Muss man alles mit allen teilen? Schauen wir mal genauer hin.

Was für Transparenz spricht

Transparenz ist ein wichtiger Faktor für das Gelingen von Selbstorganisation. Wenn meine Windschutzscheibe beschlagen ist, kann ich mein Auto nicht gut lenken und kann schnell im Straßengraben landen, statt mein Fahrtziel zu erreichen. Eine transparente Scheibe lässt mich den Wagen sicher ans Ziel steuern und auch Hindernissen entlang des Weges kann ich besser ausweichen. Also ist Transparenz und Sichtbarkeit wertvoll zur Steuerung.

Wenn es nun nicht mehr den einen Fahrer gibt, weil die Führung fraktal über die Organisation verteilt ist, dann muss nicht nur einer gut sehen können, sondern alle, die an der Steuerung der Organisation beteiligt sind – somit brauchen alle Rollenfüller möglichst viel Kontextinformationen, um gute Entscheidungen zur Steuerung treffen zu können. „So viel Transparenz, wie du verkraften kannst“, wie HolacracyOne Mitbegründer Thomas Thomison gerne sagt.

Beispiele für zu viel Transparenz

So weit, so richtig. Doch müssen jederzeit alle Daten aller Sensoren auf meinem Armaturenbrett blinken und piepen und an meiner knappen Aufmerksamkeit zerren? Der Straßengraben lässt grüßen! Mit anderen Worten: welche Informationen sind nützlich, damit meine Rolle ihren Job gut erledigen kann und welche stellen lediglich Ablenkungen meiner ohnehin (durch Smartphone-Nutzung) verkürzten Aufmerksamkeitsspanne dar? Wo kippt das Verhältnis von Transparenz / Informationsverfügbarkeit in Überwältigung/ Überforderung? Muss jeder immer alles wissen? Sollte jeder immer alles wissen?

Was ist, z.B. wenn man eine Anwaltskanzlei mit Holakratie als Betriebssystem betreibt? Anwälte und andere Berufsstände unterliegen einer gesetzlichen Schweigepflicht. Stelle dir vor, dass du in der Rolle „Anwalt“ an einem Fall arbeitest und dass ein Kollege aus der Kanzlei, der nichts mit dem Fall zu tun hat, dich nach Details über den Fall fragt. Du verweigerst die Auskunft unter Verweis auf deine gesetzlichen Pflichten.

Doch dann wird der Kollege findig (denn ihn interessiert der Fall wirklich sehr) und er wedelt mit der Holakratie-Verfassung: „In der Holakratie-Verfassung steht aber, dass jeder Rollenfüller operationale Pflichten hat, u.a. eine Transparenzpflicht. Also musst du mir jetzt Transparenz in den Fall geben und mir meine Fragen beantworten.“

Achtung: Holakratie zwingt niemanden dazu, allgemeine gesetzliche Vorgaben zu missachten. Natürlich hat das BGB Vorrang vor den Regeln der Holakratie. Oder anders gesprochen: der nationale Rechtsrahmen taucht innerhalb der Holakratie in Form von Spannungen auf, die man prozessieren muss (wie alle anderen Umwelteinflüsse, die auf die Organisation einwirken).

Nicht nur die Überschriften lesen…

Der Kollege hingegen wedelt aber immer noch aufgeregt mit der Holakratie-Verfassung und fordert Transparenz. Was tun? Du liest selber noch mal die betreffende Stelle in der Verfassung nach:

4.1.1 PFLICHT ZUR TRANSPARENZ

Sie haben die Pflicht zur Transparenz, wenn Ihre anderen Kreismitglieder dies in einem der folgenden Bereiche fordern:

(a)  Projekte und Next Actions: Sie müssen alle Projekte und Next Actions teilen, die Sie für Ihre Rollen im Kreis verfolgen.

(b)  Relative Priorität: Sie müssen Ihre Bewertung der relativen Priorität von Projekten oder Next Actions mitteilen, die Sie für Ihre Rollen im Kreis verfolgen, im Vergleich zu anderen potenziell konkurrierenden Aktivitäten, die Ihre Aufmerksamkeit oder Ressourcen fordern.

(c)  Vorhersagen: Sie müssen eine Prognose zu dem Datum abgeben, zu dem Sie den Abschluss eines Projekts oder einer nächsten Aktion erwarten, die für eine Ihrer Rollen im Kreis weiterverfolgt werden. […]

(d)  Checklisten-Punkte und Metrics: Sie müssen mitteilen, wenn Sie reguläre, wiederkehrende Actions fertiggestellt haben, die Sie üblicherweise in Ausübung Ihrer Rollen im Kreis ausführen. Sie müssen außerdem alle Metrics nachverfolgen und berichten, die Ihren Rollen vom Lead Link des Kreises oder von einer anderen Rolle oder einem anderen Prozess, die die Befugnis besitzen, die Metrics des Kreises zu definieren, zugeordnet wurden.

Nirgendwo steht, dass man vertrauliche Informationen offenlegen muss.

„Projekte und Next Actions teilen“ unter (a) bedeutet, dass man darüber Bericht abgeben muss, an welchem Projekt man arbeitet. Da steht aber nicht, dass man die Inhalte der Arbeit komplett darlegen muss. Auch die Punkte (b)-(d) implizieren nicht, dass man über sensible Inhalte von Projekten auskunftspflichtig ist.

Anders gesagt: was du mit deinen Kollegen teilst, ist eine Ermessenssache von dir als Rollenfüller (abgesehen von den unter a-d geforderten Dingen). Anderslautende Vereinbarungen (z.B. in Form von Richtlinien, Arbeitsvereinbarungen und Arbeitsverträgen) sind hiervon natürlich ausgenommen.

Diese Aussage hilft auch diejenigen Fälle aufzuklären, bei der zwar keine gesetzlichen Zwänge von außen auf einen einwirken, aber interne Überlegungen in Bezug auf Informationspolitik. Manche Themen sind naturgemäß so sensibel, dass sie zuerst in kleinem Rahmen geklärt und besprochen werden müssen, bevor sie mit einer breiteren Öffentlichkeit geteilt werden können (Gehaltsthemen, Einstellung, Kündigung, Kauf/ Auflösung / Verschmelzung von Gesellschaften, Kulturthemen, etc.).

Push vs. Pull – sinnvoll Informationen bereitstellen

Es ist zudem wichtig, den Unterschied zwischen „push“- und „pull“- Kommunikation zu verstehen.

„Push“ bedeutet ungefragt und zentral Informationen zu teilen. Denke an Massenmedien wie Fernsehen (vor dem Internetzeitalter), die ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des Nutzers Informationen aussenden.

„Pull“ hingegen bedeutet, dass ein System besteht, aus dem man sich als Nutzer jederzeit dezentral die benötigte Information bedarfsgerecht herausziehen kann. Beispiele sind ein Firmen-Intranet, Kommunikationstools wie Slack, MS Teams, und alle Tools, die Suchfunktionen anbieten, inklusive Holakratie-Tools wie GlassFrog oder holaSpirit. Wer wissen möchte, was in anderen Kreisen läuft, der kann im Holakratie-Tool nachschauen, oder die Meeting-Outputs anderer Kreise direkt per Email Benachrichtigung abonnieren.

Vorsicht: Wenn in einem Meeting sensible oder vertrauliche Themen verhandelt werden, sollte der Secretary des Kreises darauf achten, dass entsprechende Informationen chiffriert oder limitiert werden, da sie in Form des Meeting-Protokolls potentiell für andere zugänglich sind. Wenn von den Teilnehmern zuvor angelegte Spannungen aus holaSpirit ins Meeting importiert werden, werden die darin enthaltenen Informationen automatisch Bestandteil des Meeting-Protokolls. Es ist daher im Zweifelsfall besser die sensiblen Informationen dort nicht zu hinterlegen, sondern sie lieber nur über die Tonspur zu teilen.

Manchmal braucht es jedoch zentrale Ankündigungen von offizieller Stelle, die an alle gehen müssen, z.B. eine allgemeine Information über neue Datenschutzrichtlinien. Das ist dann „Push“ Kommunikation. Doch nutze sie mit Bedacht und frage dich, ob die Information wirklich für alle essenziell ist, oder ob du sie vielleicht auf andere Weise bereitstellen kannst.

Zusammenfassung:

Ein großes Maß an Transparenz ist tendenziell gut und hilft für das Gelingen von Selbstorganisation. Wenn kein zentraler Manager stellvertretend das Ganze überblickt, hilft Transparenz den Rollen bei ihrer dezentralen Selbststeuerung. Je mehr Informationen darüber verfügbar sind, woran die Kollegen arbeiten, desto effektiver können die Menschen ihre Rollen führen und Synergien ausschöpfen.

Es gibt ein gesundes Transparenz-Interesse, um einen guten Job machen zu können, aber es gibt auch voyeuristische Transparenz, die mich als Mensch befriedigt, die aber eigentlich für meine Rollen nicht relevant ist. Hier tut Augenmaß und kritisches Hinterfragen not. Frage nach, welche Rolle das wissen muss und warum.

Die Holakratie verlangt von niemandem, dass er gesetzliche Vorgaben zugunsten maximaler Transparenz missachtet. Nationales Recht übertrumpft jederzeit die Holakratie Verfassung. Doch auch wenn keinerlei rechtliche Zwänge bestünden, müsstest du nicht die Hose runterlassen, wenn du nicht willst. Was du mit deinen Kollegen teilst, ist eine Ermessenssache von dir als Rollenfüller. 

Hinterlege Informationen möglichst so, dass sie gefunden werden können, anstatt alles an alle zu schicken („pull“ statt „push“). Benutze dein gesundes Urteilsvermögen und überfordere deine Kollegen nicht mit unnützen oder unausgegorenen Informationen.